Friedrich Kautz – Ein Abschiedsbrief an meinen ersten Lieblingsrapper

Am 14.02.2020 wagte Friedrich Kautz es zum ersten mal: Er veröffentlichte am gleichen Tag ein Prinz Pi und ein Prinz Porno Album. Ein so beeindruckender Marketing Stunt, dass ich tatsächlich das Release verpennte und mich erst ein paar Tage später daran erinnerte, dass ja Alben von Herrn Kautz veröffentlicht wurden. Die Alben anzuhören schaffte ich dann tatsächlich erst etwa eine Woche später, weil… seien wir ganz ehrlich! Ich wollte mir die Alben nicht anhören. Bereits Nichts war umsonst ließ mich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und lauthals rufen: „Doch, die Zeit die ich mit diesem Album verbracht habe, war umsonst investiert!“

Aber was ist denn eigentlich das Problem?

Es war ja nicht anders als ich anfing Prinz Pi zu hören. Da fanden auch schon viele eingefleischte Pi/Porno Fans die neuen Sachen wack. Ich allerdings konnte damals sogar Kompass ohne Norden, das oft wegen der ganzen Schulthematik oft kritisiert wurde, etwas abgewinnen, weil ich eben zu dieser Zeit noch zur Schule ging. Das Album sprach mich an, was für viele ältere Fans verständlicherweise nicht galt. Mittlerweile kann ich das auch ziemlich gut nachvollziehen, weil ich viele der Songs des Albums heute nicht mehr hören kann, ohne dabei einen gewissen Cringe-Faktor zu spüren.

Doch schon vorher hatte Friedrich Kautz eine hoch diskutierte Rolle. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich von meiner Mutter zu Weihnachten die Doppel-CD von !Donnerwetter! bekam. Das war für mich ein unglaubliches Album, weil die Bonus CD ein gerapptes Hörbuch enthielt, welches Herr Kautz selber geschrieben hatte. Mein Fanherz lief damals vor Freude schier über. Allerdings merkte ich auch, dass solche Aktionen von vielen als albern abgetan wurde. Das hatte ja nichts mit Hip Hop zu tun. Das bezog sich auch auf seinen weiteren Werdegang. Denn hier wurde ein starker Wandel spürbar. So wollte Friedrich immer mehr Musiker, weniger Rapper sein. So hieß es auf dem Introsong des 2011 erschienen Rebell ohne Grund beispielsweise:

Ich bin Musiker, erzogen in Weissensee und UdK

Prinz Pi auf dem Song Bombenwetter

Das wurde den echten Hip Hop Fans schnell zu bunt. Als Prinz Pi dann auch noch mit Band auf Tour ging und mit Hallo Musik ein Album herausbrachte, dass komplett mit akustischen Instrumenten eingespielt wurde, war er für eingefleischte Prinz Porno Fans schon lange gestorben. Ich allerdings bewunderte Pi damals dafür, dass er sich trotz des ganzen Diskurses treu blieb und (vermeintlich) das machte, auf was er Bock hatte. Wenn er sich dabei mit arroganter Attitüde als ernstzunehmenden Musiker und Kunsthochschulenabsolventen inszenieren wollte, dann war das eben so.

Doch dann änderte sich plötzlich etwas in eine andere Richtung. Immer wieder versuchte Friedrich mit Zeilen über illegale Geschäfte mehr Streetcredibility in sein Image einzuflechten – und das nicht nur als Prinz Porno, sondern auch unter dem Namen Pi.

Du willst wissen wer dein Vater ist,
Er hat eine Waffe, die geladen ist, immer unter’m Fahrersitz

Prinz Pi auf dem Son Heimweg

Hier tun sich ein paar Probleme auf. Zum einen wurde bewusst die Alter Ego Unterscheidung zwischen Pi und Porno eröffnet, um solche Thematiken aus der Musik von Pi heraus halten zu können. Die Unterscheidung zwischen den zwei Kunstfiguren sollte dazu dienen unterschiedliche Style und Texte voneinander abzugrenzen. Doch nun sollen doch wieder Brücken zwischen den Thematiken geschlagen werden? Hieß es nicht auch, die Kunstfigur Prinz Porno würde sich nicht mit der Kunstfigr Prinz Pi anfreunden können? Warum biedert sich Pi dann jetzt so an? Und neben dem höchst zweifelhaften Protzen mit Schusswaffen ist da noch etwas. Krampfhafte Versuche „real“ sein zu wollen, um damit Gangster-Image-mäßige Authentizität aufbauen zu können, tuen mir beim zuhören persönlich weh. Immer wieder habe ich auf einer zweiten Ebene einen Satz im Ohr:

Street-Cred bringt nichts, außer einer platten Nase

Prinz Porno auf dem Song Massephase

Doch dieser Mangel an Authentizität ist eigentlich etwas, über das mensch guten Gewissens hinwegsehen könnte. Schließlich kann die Musik von Künstler*innen auch gut losgelöst von ihrer Person betrachtet werden. Was mich zum zweiten Teil dieses Textes führt.

Problematiken mit der Persona Friedrich Kautz? Wo soll ich anfangen? Aussagen darüber es gäbe keine Diskriminierung im Hip-Hop-Game? Wirklich Friedrich? Ich spar mir an dieser Stelle den „Check your privilege“-Vortrag einfach. Nicht, weil es nicht wichtig wäre darüber zu reden, aber würde ich damit noch anfangen, dann würde das wohl ein wenig den Rahmen sprengen. Das ganze ist ja jetzt auch schon ein wenig her und es wurden die wichtigsten Dinge wohl bereits geäußert. Viel aussagekräftiger finde ich seinen Gastkommentar bezogen auf diese Äußerung auf rap.de, den er damit schließt, auf Kritik von Seiten der Musikerin Mine zu antworten. Hierbei beschwert er sich (zusammengefasst) darüber, sie gehe ihn rassistisch an, weil sie meint, als weißer hetero cis-Mann habe er durch seine Privilegien nichts zu einer Diskussion über Diskriminierung beizutragen. Blöd nur, dass Diskriminierung und damit auch Rassismus sich auf bereits Benachteiligte bzw. Minderheiten bezieht. Der Versuch die Sache dadurch zu retten, den Spieß einfach umzudrehen zu wollen, wirkt nur noch wie ein kindisches „selber blöd!“ und äußert sich dabei in einer unfasssbar toxischen Form.

Eben dieser Gastbeitrag ist auch ein gutes Beispiel dafür, was für ein weiteres Problem ich bei Friedrich Kautz sehe. Er nimmt alles was er tut unfassbar ernst. Das betrachtet in Kombination mit seinen immer wieder Verschwörungstheorien behandelnden Texten lässt dann doch daran zweifeln, ob Pi die intelligent kokettierende und kritisierende Rolle ausfüllen kann, die ihm gerne zugesprochen wird. Versteht mich nicht falsch, ich war immer ein Fan von Songs wie Zeichen der Weisen oder So viele Fragen, allerdings hatte ich diese bisher aber immer als gutes Storytelling verstanden, nicht als ernstzunehmende Hirngespinste eines Pseudo-Weltverstehers. Mittlerweile macht mich seine Selbstwahrnehmung, die er in seiner Umgangsweise mit Kritik zeigt, dabei aber sehr unsicher.

So kann ich diesen Text auf zwei verschiedene Weisen schließen, entweder mit dem Verweis auf einen guten Disstrack gegen Prinz Pi oder aber, mit einem Prinz Pi Zitat, das unterstreicht, wie ich Friedrich mittlerweile gegenüberstehe. Doch weil mir dieser Beitrag wirklich selber im Herzen weh tut und ich nicht noch unnötig Energie darauf verwenden will, mich auch noch in dieser Entscheidung zu quälen, mache ich einfach beides. Denn Friedrich, auh wenn mein treues Fanherz sich immer mal wieder Songs von dir anhört, die für mich lange schwer anzufechten waren, so werden sie jetzt einen bitteren Beigeschmack haben. So hatte ich lange die Augen über das Gerede enttäuschter Fans verdreht, nun bin ich selber einer von ihnen.
Lieber Friedrich, die Zeiten, in denen ich sehnsüchtig auf ein Album-Release von dir gewartet habe, sind vorbei. Denn..

Meine alten Idole habe ich alle begraben, weil ihre Mukke traurig wurde wie eine Welt ohne Farben

Prinz Pi auf dem Song !Donnerwetter!

Quelle des Bildes: Keine Liebe Records distributed by Sony Music Entertainment