Rapkreation – Obskur

Bei Rapkreation muss ich mich erstmal ein wenig zusammenreissen, bevor ich anfange zu schreiben. Zu groß ist das Risiko, dass das hier eine einzige Laudatio wird. Doch die Kreuzberger lassen mein Hip-Hop-Herz unfassbar höher schlagen.

Aber fangen wir von vorne an.

Obskur ist das aktuelle Machwerk der Crew Rapkreation, die aus zwei Rappern und ihrem Manager besteht. Produziert wurde das gesamte Album von MotB, seines Zeichens Teil der Crew BHZ, die ja in letzter Zeit einen rasanten Popularitätsaufschwung erfahren durften. Und zumindest die Affinität zum Berliner-Boom-Bap, die man ja von vielen BHZ Songs kennt, lässt sich auch auf Obskur wieder erkennen.

Thematisch behandeln die beiden Rapper Victor und Tariq auf diesem Werk vor allem ihren Stadtteil Kreuzberg und lassen dabei Einblicke in eine bittere Realität zu. Rapkreation wirkt dabei allerdings nicht so, als würden sie irgendwelche Märchen erzählen wollen, sondern sind unfassbar authentisch.

Das lässt sich nicht zuletzt daran festmachen, dass in einem Musikvideo zu dem Song Kleine Welt, der bereits Teil eines früheren Releases der Crew war, mit der „Nähe“ zur Graffiticrew Berlin Kidz nicht nur gespielt wird, sie wird als eindeutig inszeniert.

Immer wieder sehen wir graphisch eingeblendete Schriftzüge im Stil der Bombings der Berliner Graffiticrew. Die blauen und roten Lettern tauchen entweder im Vordergrund des Bildes auf oder werden auf Häuserfassaden abgezeichnet. Auch sehen wir die beiden Rapper beispielsweise auf dem Dach eines Busses sitzen, womit vermutlich auf das durch Berlin Kidz praktizierte Bus-und U-Bahn-Surfen angespielt wird(,das sich wirklich keiner zum Vorbild nehmen sollte(!!!)).

Und auch auf Obskur wird auf die Writervergangenheit (und mögliche Gegenwart) Bezug genommen. So ziert das Cover doch der Schirftzug „RAPK“ im selbigen Stil wie schon vorher die Lettern im Musikvideo. Außerdem heißt es bereits auf dem ersten Track Tag eins:

Es ging nachts um die Häuser, waren Toys doch zogen rum
Ich bin immer Toy geblieben, doch die anderen machten Kunst

Tariq auf Tag eins

Die Songs gehen zwar oft sehr nach vorne, trotzdem sind die Texte kein Diskriminierungsfeuerwerk, wie man es von der ein oder anderen Streetrapcrew so gewohnt ist. Statt mit Misogynie und Homophobie fallen Rapkkreation mit einer Mischung aus authentischen Berichten aus ihrem Viertel gepaart mit der entsprechenden Attitüde und lyrisch schön umgesetztem Tiefgang auf. Besonders ist mir hier der Song Berlin brennt aufgefallen, der unter anderem eine Straßenschlacht in Kreuzberg mit der Polizei thematisiert. Statt diese jedoch zu romantisieren, wie es Rap-typisch wäre, wird diese offen als blutig und brutal inszeniert. Die Hook ist dabei so energetisch, dass man beinahe merkt, wie in einem selber die Wut hochkocht. In den Strophen an sich wird einem jedoch klar, wie gefährlich solche Situationen letztendlich doch sein können.

Wenn er Glück hat, kriegt er Knüppel,
wenn er Pech hat, wird es enden

Victor auf Berlin brennt

Doch Obskur kann nicht nur nach vorne. So glänzt es vielmehr durch Texte, die mal unfassbar rough, mal gekonnt melodramatisch daherkommen. Der Song 25 Stimmen zum Beispiel kann so verstanden werden, dass dieser sich mit Selbstzweifeln und Überforderung durch äußeren Druck befasst. Durch Lines, die konkret klingen, dennoch aber einen großen Interpretationsspielraum bieten, erzeugt das Lied eine beklemmende Stimmung. Hierdurch werden die Problematiken der gewählen Themen musikalisch sehr schön veranschaulicht.

Darüber hinaus wird sich auf Obskur nicht davor gescheut, das eigene Schaffen und alles damit verbundene zu hinterfragen. Auf Keiner mehr da wird beispielsweise eine sehr pessimistische Zukunftsvorstellung gezeichnet, die wie schon festgesetzt dargestellt wird. Dies lässt sich daran erkennen, dass zwar von der Zukunft geredet wird, dabei aber in Vergangenheitsformen von dieser erzählt wird. Trotz der emotionalen Tiefe lassen sich die Lieder auf Obskur dabei aber ziemlich unanstrengend anhören. Wie groß der Anspruch ist, mit dem man an das Werk herangeht, bleibt einem also selber überlassen.

Abschließend kann man sagen, dass der wiederkehrender Wechsel zwischen melancholischeren und aggressiveren Tracks erreicht, dass hiervon eine solide Mischung entsteht. Dabei vereinen manche Lieder diese zwei Pole sogar in sich. Die Stimmungswechsel dabei zeichnen zwar Kontraste zwischen den Liedern ab, scheinen dabei aber nie unpassend. Alles in allem ein sehr rundes und gelungenes Werk, das mich sehr begeistert hat.

QUELLE DES BILDES: (P) 2019 Rapkreation distributed by COLUMBIA a division of Sony Music Entertainment Germany GmbH