DISSY – bugtape side a

Habt ihr euch schonmal gefragt, wie es klingen würde, wenn man einen visuellen Glitch hören könnte? Nein? Ich eigentlich auch nicht, aber das war meine erste Assoziation zum Soundbild auf diesem Tape von DISSY. Und das dabei sogar bevor ich realisiert habe, dass man die Tracklist des Tapes mehr oder weniger als zusammenhängende Sätze lesen kann. Da steht dann: „wenn ich hier drauf Click kommt ein error sound aber ich bin psychoblick dissy. du hast mein herz im darknet verkauft und chillst jetzt an der cotazur mit pikachupillen.“ Das mit dem „Error-Sound“ scheint meiner Assoziation also irgendwie im weitesten Sinne zuzustimmen. Und auch wenn ich beim Titel Bug Tape tatsächlich erstmal an echte Käfer und Gregor Samsa gedacht habe, könnte hier auch einfach ein Programmierfehler gemeint sein.

Hört sich die a Seite des bugtape von DISSY also an wie ein schlecht programmiertes Videospiel? Das kommt darauf an wie mensch die Frage interpretieren will. Wenn man es darauf bezieht, wie sich ein solches Spiel denn spielt, dann muss die Antwort wohl nein lauten. Das schließt allerdings nicht aus, dass sich ein schlecht programmiertes Videospiel so anhören könnte wie dieses Tape. Dann wäre dieses Game für mich zumindest auf der akustischen Ebene ein Erfolg. Denn was Produzent Torn Palk da veranstaltet hört sich zwar im ersten Moment etwas wild an, glänzt dabei aber durch eine gewisse Komplexität der Sounds und Originalität.

Mit vielen rhytmischen Synthesizersounds glitcht sich ein Mix aus verschiedenen Produzenten hier also einen sehr kreativen Sound zusammen, in den sich die hierbei gewählten Drums wunderbar einfügen und ein absolutes Klangbild erzeugen. Zwischen den einzelnen Songs kommen immer wieder kleine Skits, die den Fluss des Albums dabei allerdings nicht unterbrechen, sondern akustische Brücken zwischen den Liedern aufbauen. Dabei wirkt der Sound des Tapes im Überblick insgesamt vor allem ziemlich düster, was uns auch weiter zu den textlichen Aspekten des Projektes führt.

Ich und mein Schatten sind jetzt Freunde, so wie Farid und Fler

DISSY auf dem Song psychoblick dissy.

Schnell fällt bei den Texten eine große Dichte an vielen guten Popkultur Referenzen und Punches auf. Hierbei kommt er auch ab und an mal etwas lockerer daher, wenn er sich beispielsweise über die vielen Auftritte von Lars Eidinger in den aktuellen Deichkind-Musikvideos oder über den Selbstfindungs-Podcast von Curse lustig macht. Meist wird jedoch ein zynisch gewitzter Ton angeschlagen, der dabei zeitweise richtig finstere Züge annehmen kann, hierin aber immer bedacht, mit entsprechendem Tiefgang und nie stumpf wirkt.

Du kommst zur Party und machst Stress ohne Grund
wie US im Irakkrieg

DISSY auf dem Song psychoblick dissy.

Thematisch lassen sich verschiedenste Ansätze auf dem Tape finden. Beispielsweise behandelt es ein Isolationsgefühl, dass man bekommen kann, wenn man die Welt durch social media betrachtet. Oder aber DISSY spricht über die Schwierigkeiten im Musikgeschäft wie auf dem Song Click, der Bemühungen einen Hit zu landen, aber auch die Überforderung im allgemeinen Berufs- und Privatleben beschreibt.

Je härter du’s versuchst, desto mehr verfehlst du Ziele
manchmal treibt der Boost dich nur in die nächste Wüste

DISSY auf dem Song Click

An dieser Stelle gehe ich stark davon aus, dass er hierbei Bezug auf seine eigenen Erfahrungen mit der Branche nimmt. So meinte er neulich auf einem Konzert von Mine, für das er Support spielte, dass Musik für ihn nur ein Nebenprojekt zu seiner eigentlichen Arbeit als Video-Produzent sei. Hier muss angemerkt werden, dass die Videos, die zu dem Tape produziert wurden auch wirklich beeindruckend sind. Das aber nur am Rande…

Abschließend kann ich sagen, ich war begeistert von bugtape side a. Ein eigener Sound, vielseitige Texte und alles in allem ein gelungenes und rundes Gesamtkonzept. Einziges Manko: das ganze ist irgendwie ein sehr kurzweiliges Vergnügen. Da im Titel aber side a steht, was auf die erste Seite einer Schallplatte anspielt, kann vermutet werden, dass hierzu auch noch zumindestens eine entsprechende B-Seite veröffentlicht wird. Allerdings sollte hier erstmal abgewartet werden, bevor man falsche Versprechungen macht. Schließlich erschien bisher nach seinem vorangegangenen Projekt Playlist 01 auch noch keine Playlist 02. Wünschenswert wäre es jedoch!

Quelle des Bildes: Corn Dawg Records