Kerosin95 – Nie wieder Gastro

Die Rapperin* Kerosin95 liefert mit ihrem neuen Song Nie wieder Gastro eine Battle-Rap-esque Abrechnung mit dem Berufsalltag in der Gastronomie, genauer mit der dabei einhergehenden Kundschaft.

Dementsprechend an dieser Stelle eine Trigger-Warnung! Dieser Text befasst sich mit sexueller Belästigung.

Auf dem minimalistischen Boom-Bap-mäßigen Beat mit vereinzelten Scratches vor der Hook hat der Song ein starken Cypher-Vibe. Im Vordergrund stehen hier klar die Vocals. Dennoch klingt Nie wieder Gastro lange nicht nach trockenem Spoken Word, sondern ist durch verschiedene variable Flow-Passagen und kreative Adlips ein sehr mitreißender Song. Dadurch macht das Lied schon bei sehr oberflächlichem Zuhören richtig Spaß, gewinnt allerdings noch einen immensen Mehrwert, wenn sich mit dem Text auseinandergesetzt wird.

Thematisch handelt der Song von Alltagssexismus mit welchem sich Mitarbeiterinnen* der Gastronomie ausgesetzt fühlen. Konkret richtet sich der Song dabei an Frauen*, Intersexuelle, Non-Binäre und Transpersonen, welche sich stetigen Diskreditierungen ausgesetzt sehen. Spezifisch angesprochen wird dies im Sog nicht. Stattdessen werden chauvinistische, objektifizierende und denunzierende Aussprüche und Verhaltensweisen aufgegriffen und dialogisierend entnervten Antworten beziehungsweise Abwehrmechanismen gegenübergestellt.

Der Song verpackt eine alltägliche Problematik auf eine gleichzeitig angemessen trotzende und ebenso fröhlich leicht daherkommende Weise . So hält Kerosin95 eine angenehme, gut umgesetzte Waage zwischen einem witzig unterhaltenden Song und einem konsequent Gesellschaftskritik übenden Text. In Kerosin95’s Song sind dies dabei keine zwei Pole, vielmehr ist der Humor ein Vermittlungsweg für die Darstellung davon, wie vielfältig sich belästigendes Verhalten in einem Bedienende*-Kunden Verhältnis äußern kann.

Wir lernen heute nochmal buchstabieren/

Das R zu dem -espekt und das H zu dem -irn

Kerosin95 auf Nie wieder Gastro

Ob es nun der Nice-Guy, der unbedingt mitteilen muss, dass er ein „wahrer Kavalier“ sei, der stille Chauvinist, der keinen Grund sieht, warum er fremde Körper nicht glotzend beurteilen sollte oder der ganz stumpf ungefragt Äußerlichkeiten beurteilende Typ ist. Kerosin95 reiht deren Aussagen nahtlos aneinander. Das wirkt dabei wie ein plakatives und fingerzeigendes kritisieren, sondern vereindrücklicht den penetranten, nicht-enden-wollenden Charakter, den dieses Problem hat. Auch wenn hierbei ein gewisses „Spektrum des Sexismus“ erkennbar ist, vor diesem Hintergrund wird schnell deutlich, dass eine Unterscheidung nach einer „Schwere“ verschiedener sexistischen Äußerung in der überwältigenden Masse obsolet ist. Eindrücklich wird dargestellt, dass ein sensibler Umgang, mit den Personen, deren Verhalten hier aufgegriffen wird, nicht zu den Aufgaben in der Gastronomie tätigen Personen gehören müsste.Verständlich also, dass als Reaktion in diesem fiktiven Dialog Kerosin95 Unverständnis für absurde Legitimationen solcher Verhaltensweise, ebenso wie Frustration äußert. Dies gipfelt in (wohl am Arbeitsplatz eher unterdrückter) Wut, die sich in der Hook zu entladen scheint.

Sag mir nochmal, dass ich lächeln soll

und ich spuck dir in dein Bier

Kerosin95 auf Nie wieder Gastro

Ein nicht nur ziemlich gut geschriebener, sondern mindestens so gut performter Song, den es wirklich lohnt anzuhören. Nie wieder Gastro erzählt ehrlich und direkt, fixt darauf an, sich noch mehr mit der bisherigen Diskografie von Kerosin95 auseinanderzusetzen und lässt Vorfreude auf ein sich wohl in Arbeit befindendes Album wachsen.